Das große Es

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Die Sex-Szene ist wohl das Kniffeligste, was es im Bereich der Literatur so gibt. Jeder, der dem widerspricht, hat entweder noch nie eine solche Szene geschrieben, oder es ist nicht empfehlenswert, diese zu lesen. Sex ist ein Tabuthema, und es angemessen zu behandeln, ist eine Gratwanderung zwischen Stimmung und Peinlichkeit, zwischen Eindeutigkeit und Pornographie. Dieses Tutorium soll helfen, angemessen an dieses Thema heranzutreten.


Inhaltsverzeichnis

Die FF-Realität

Fanfictions sind ein Genre, das viele Vorgaben macht. JKR liefert uns ungefähr 3400 Seiten an Informationen, Charakterentwicklung und Stimmung. Das ist für Hobbyautoren eine enorme Hilfe, ihre Geschichten zu erzählen, weil sie dadurch auf ein umfassendes Vorwissen der Leser zurückgreifen können, ohne selbst all diese Informationen liefern zu müssen.
Die vielen Vorgaben sind aber auch eine gewaltige Falle! Gerade bei Geschichten, in denen es um Sex geht, wird zu viel vorausgesetzt, die Handlung geht verloren, und es bleibt nur noch Sex übrig. Und mal ehrlich, wenn man nur Sex haben will, gibt es geeignetere Medien. Als Fanfiction taugt so was nicht, zumindest dann nicht, wenn man sich schriftstellerisch bzw. literarisch ernst nimmt.

Nötig oder nicht nötig, das ist hier die Frage

Unter vielen Autoren herrscht die etwas ominöse Meinung vor, dass Sex in Fanfictions etwas Reifes oder Aufregendes oder Spannendes hätte. Das ist ein Irrglaube! Die meisten Sex-Szenen sind nur überflüssig und peinlich. Sex hat in Texten keinen Eigenzweck. Jeder, der mit Sex als Thema was anfangen kann, weiß auch, wie es geht, daher ist es überflüssig, Anleitungen zu schreiben. Will man nicht als "pubertierender Teenie" oder "unbefriedigte alte Jungfrau" abgestempelt werden, muss man Sex taktisch in seine Story einbinden, ihm eine Bedeutung für den Plot verleihen, und dazu muss man sich ernsthaft fragen, ob man Sex wirklich für das Thema braucht. Natürlich ist so was schwer zu sagen, bevor man den Text wirklich geschrieben hat. Hier ein paar Faustregeln:

Es gibt KEIN Thema, das Sex UNBEDINGT benötigt

Jede Emotion, jede Handlung, jede Stimmung kann ohne Sex auskommen. Wenn Du Dir Deine Geschichte ohne die Sex-Szene nicht vorstellen kannst, mach Dir ernsthafte Gedanken über das Thema Deiner Geschichte!


Mach Dir klar, welche Funktion die Sex-Szene in Deiner Geschichte hat

Das Thema darf nicht nur Sex sein, das ist langweilig. Überleg Dir also, welche Funktion die Sex-Szene hat. Ist sie der Auslöser des Themas, seine Konsequenz, Mittel zum Zweck? Bringt sie den Leser weiter? Wenn man in der Sexszene nach der Bedeutung für ein übergeordnetes Thema sucht, stellt man meistens automatisch fest, ob sie nötig ist oder nicht.


Lass Dich nicht von außen nötigen

Reviews sind nicht das Wichtigste auf der Welt. Dein Ziel sollte es sein, Deinen Lesern etwas zu geben, was sie nicht erwarten, was sie sich nicht vorstellen können. Daher solltest Du Dich nicht darauf einlassen, wenn Leser, Reviewer oder andere Autoren meinen, Deine Geschichte bräuchte unbedingt eine Sexszene, wenn Du da anderer Meinung bist.


Wahre die Proportion

Wenn der Text, der beschreibt, wie zwei Leute es miteinander treiben, mehr als 60% Deiner Geschichte ausmacht, ist das ein sicheres Zeichen dafür, dass Du keine Geschichte mit Sex-Szene schreibst, sondern nur eine Sex-Szene mit Alibigeschichte, und dass man das lassen sollte, hab ich schon fünfzigmal in diesem Tutorium erwähnt. :-)


Sex ist NICHT der Höhepunkt von Liebe

Gib Dich nicht der Illusion hin, dass Sex der Ausdruck wahrer Liebe wäre. Im Gegenteil, Sex ist wohl das Egoistischste, was man zu zweit machen kann. Es ist ein abgedroschenes Klischee, dass man beim Sex dem anderen am "nächsten" ist. Wenn Du Innigkeit zwischen zwei Menschen zeigen willst, musst Du den Ausdruck dieser Nähe ganz individuell für Deine beiden Figuren erkunden und erschaffen. Sex ist da keine immer passende Ultimativlösung. Eine so platte Auflösung verschandelt unendlich viele Geschichten.


Sex ist KEIN Reflex

Der Mensch ist kein Tier, auch wenn er sich manchmal wie eine Wildsau aufführt. Menschen fallen nicht aus einem Reflex heraus übereinander her. Wenn in Deiner Geschichte Sex eine Reflexhandlung ist, der die Figuren aus "unerklärlicher Leidenschaft" verfallen sind, um dann festzustellen, dass sie sich wahrlich lieben, schmeiß die Story in den Papierkorb und fang noch mal an, über die Motivation Deiner Figuren nachzudenken. Wenn sich eine Figur fragt "wie das nur geschehen konnte" oder "nicht fassen kann, das getan zu haben" ist das ein eindeutiger Hinweis auf Autorenwillkür und damit auf eine schlechte Sex-Szene.


Realismus oder: Hand aufs Herz

Seien wir doch mal ehrlich: Sex wird überbewertet. Zur besseren Veranschaulichung hier ein paar Fakten:
In der Realität haben Eheleute kaum noch Sex, Pärchen, die länger als ein Jahr zusammen sind, einmal im Monat, wenn es hoch kommt. 80% der Frauen kommen beim Sex nicht zum Höhepunkt, 30% mögen Sex nicht mal. Eine Statistik, wieviele Männer keinen hochbekommen, liegt mir gerade nicht vor, aber bei all dem Koffein, Tabak und Stress werden es auch immer mehr. Bei Jugendlichen steigt der "Erfolgsdruck" oder es gibt Gruppenzwang. Man ist nicht cool, wenn man ES nicht schon gemacht hat, da ist es eigentlich egal mit wem.
Sex ist alles, nur nicht perfekt und sicher nicht die Erfüllung unserer Träume. Dafür hat uns Dr.Sommer zu lange die Selbstbefriedigung gepredigt.
Aber was machen Autoren? Sie glorifizieren Sex:

  • Endlich stand sie kurz vor der Erfüllung ihrer Sehnsüchte.
  • Es fühlte sich besser an als alles andere auf der Welt.
  • Er hätte sich nie träumen lassen, ein so vollkommenes Gefühl zu erleben.
Natürlich, wir befassen uns mit Literatur, um der Realität zu entkommen, um eine bessere Welt zu kreieren. Aber zwei 16jährige, die beim ersten Mal nicht nur alles richtig machen, sondern auch absolut synchron zum Höhepunkt kommen?
Natürlich kann man Märchen für Erwachsene schreiben, aber dessen sollte man sich auch bewusst sein und einen dicken Warnhinweis anbringen. Für alle anderen gilt: Eine gute Sexszene muss nicht von gutem Sex handeln.

Sex schreiben – ein Einstieg

Also zu Potte, wie schreibt man denn nun Sex-Szenen? Auch hier gibt es kein Patentrezept, aber ein paar Tipps.

  • Sex sollte immer emotional und nicht körperlich motiviert sein. Die Figuren müssen sich aus einem innigen Gefühl heraus nach körperlicher Nähe sehnen und nicht, weil es sie juckt. Denk immer daran, dass wir in aufgeklärten Zeiten leben. Sich einen runterholen kann man jederzeit alleine, dazu braucht man keine Beziehung.
  • Was einen Leser an Sex-Szenen interessiert, sind die inneren Auswirkungen: Was fühlt die Figur dabei, was denkt sie. Eine Handlungsbeschreibung im Sinne von „Man stecke Nöppel A in Öse B“ ist langweilig.
  • Sex ist das Intimste, was man als Mensch so machen kann. Diese Intimität sollte auch rüberkommen, es sollte klar werden, dass die einzelnen Faktoren nicht beliebig sind. "Worüber denkst du nach, Hermine?" fragte der junge Mann auf dem sie lag..." DAS ist der wohl falscheste Moment, nicht immer nur den Namen zu benutzen, den man sich vorstellen kann! Was vermittelt diese Stelle denn den Lesern? Dass Hermine womöglich darüber nachdenkt, wie der "junge Mann", der zufällig als Matratze benutzt wird, heißt? Vermittelt nicht gerade Intimität, oder?
  • Sex ist nicht nur ein Akt der Fortpflanzung. Er kann in Deiner Geschichte gerne so genutzt werden, aber dann auch konsequent, also inklusive einem Handstand der Frau, damit die kleinen Schwimmer den richtigen Weg finden. :-) Sex ist für jeden Menschen etwas anderes, diese Bedeutung musst Du für jede Figur ausarbeiten, und selbst wenn sich die Figur dieser Bedeutung nicht bewusst ist, dem Leser muss sie klar werden. Nebenbei bemerkt, Sex muss für die beiden Partner nicht das gleiche bedeuten.
  • Der explizite Sex ist nicht der bessere. Jeder Mensch steht auf etwas anderes, der eine mag es härter, der andere sanfter, einer findet Haare sexy, der andere ekelhaft. Je detaillierter Du beschreibst, desto kleiner wird Deine Leserschaft, denn mit jedem Detail kannst Du eine Lesergruppe abschrecken. Überleg Dir also genau, welche Infos Du über den Vorgang gibst, und wähle nur die aus, die die Vorlieben und den Charakter Deiner Figuren vermitteln und nicht die Sachen, die du selbst erregend findest.
  • Auch gleichgeschlechtlicher Sex ist "nur" Sex. Hier musst du SEHR genau zwischen Deinen Vorstellungen und Deiner persönlichen Einstellung und der Einstellung Deiner Figuren unterscheiden. Wenn für Dich diese Form von Beziehung etwas Selbstverständliches ist, heißt das nicht, dass es Deinen Figuren genauso geht. Gerade bei Slash muss der Autor zwischen Autorintention und Figurenmotivation unterscheiden. An den unendlich vielen Slash-Hassern sind nämlich in erster Linie schlechte Slash-Autoren schuld.


Was schiefgehen kann, sollte schiefgehen!

Ein großes Problem, das Leser mit Sex-Szenen haben, ist, dass die Szenen ihnen peinlich sind. Sie haben das Gefühl, beim Lesen in einen verbotenen Raum einzudringen und die Zweisamkeit der Figuren zu stören. Dieses Gefühl entsteht hauptsächlich durch eine zu externe Beschreibung. Der Autor distanziert sich selber und damit den Leser von den Figuren und die Personifizierung geht verloren. Aber als Autor muss man konsequent bleiben! Wenn man eine Sex-Szene schreibt, muss der Leser ebenfalls Sex haben, wie er auch mit der Figur mitleiden und sich mitfreuen muss. Diese Nähe vermittelt man durch Realitätsnähe, man muss zeigen, dass sich die Figuren bei dem, was sie tun, wohl fühlen, denn dann fühlt sich auch der Leser dabei wohl. Entspannungspausen durch klemmende Reisverschlüsse oder Kicheranfälle wegen des quietschenden Sofas sind dafür einmalig gut geeignet.


Der beste Sex ist der, den man nie hatte

Eine Sex-Szene muss nicht unbedingt Sex enthalten. Man kann zwei Figuren auch so nah zusammenbringen, dass sie vor Verlangen wahnsinnig werden, und sie dann doch nicht machen lassen. Diese Szenen können wirklich genial werden, unendlich mitreißend und stimmungsvoll, weil man dabei keine abgeschlossenen Räume wie Schlafzimmer oder so braucht. Solche SexSzenen können mitten im Unterricht, auf der Straße, bei Besprechungen, einfach überall stattfinden. Ein weiterer Vorteil ist, dass man von Sex, den man sich nur wünscht, aber nicht bekommt, nicht enttäuscht werden kann. Diese Form von Sexszene hat jedoch ihre Todsünden:

  1. Die Figuren sollen den Sex nur herbeisehnen, ihn sich nicht bildlich ausmalen!
  2. Die Sehnsucht sollte emotional und nicht körperlich sein, sonst ist die Szene zu flach.
  3. Die Sehnsucht muss motiviert sein, und diese Motivation muss dem Leser vermittelt werden. (Geeignet sind hier Erinnerungssequenzen, über die der Protagonist nachdenkt.)


Die Figuren verschlucken ihre Zunge nicht beim Sex

Denk daran, dass Deine Figuren sprechen können, sie müssen nicht stöhnen. Und überleg Dir auch, dass sie nicht unbedingt nur über "das Eine" reden müssen. Sie können Konsequenzen abwägen, sich Sorgen machen, unsicher sein, sich rausreden, sie können aber auch schweigen!

Sprache wird auch noch in einem anderen Punkt sehr wichtig: beim Erzähler. Jede Geschichte hat einen Erzähler, ob Ich-Erzähler oder personeller Erzähler, er hat immer die Eigenschaften der Figur, aus deren Sicht er erzählt. Daher verwendet er auch das Vokabular, das diese Figur in wörtlicher Rede verwendet hätte. Eine obszöne Beschreibung aus der Perspektive von Hermine ist unwahrscheinlich, aber Hermine könnte in ihrem Ausdruck durchaus medizinisch werden. Beschreibe die Szene immer mit der Sprache, die auch Dein Protagonist gewählt hätte.


Mit allen Sinnen

Man wird beim Sex nicht stumpfsinnig. Man hat immer noch Augen, immer noch Ohren, immer noch eine Nase. Vermittle die Empfindungen der Figuren nicht immer nur durch den Tastsinn, aber vermeide die Klischees!

Beispiel:
„Er roch männlich.“ - Wie? Nach dreckigen Socken, Bier und Schweiß? SCHLECHT!

„Der Geruch ihres Haares erinnerte ihn an Urlaub.“ - Individuell, unspezifisch, und doch enthält es eine eindeutige Tendenz, nämlich Urlaub also Freiheit und Entspannung. Gut!


Der unerwartete Konflikt

Eine Sex-Szene ist in erster Linie eine Szene und erst nachgeordnet Sex. Sie muss die Handlung vorantreiben, die Geschichte weiterbringen. Wenn die Figuren mit Erwartungen in die Sex-Szene hineingehen, die haargenau erfüllt werden, ist die Szene überflüssig! Es reicht dann zu sagen "Und ihre Erwartungen wurden erfüllt." Aber wenn sich etwas durch den Sex ändert, selbst wenn die Figuren den Finger nicht drauflegen können, DANN sind wir an der richtigen Stelle!
Wenn Lily mit James schläft und danach das Gefühl nicht loswird, ausgenutzt worden zu sein.
Wenn Hermine Ron endlich ranlässt und er das Gefühl hat, auf einem Fisch zu liegen.
Das sind sprechende Szenen! Das Bringt den Leser und die Erzählung weiter! Das wirft Fragen auf.


Sex als Finale

Es gibt nur sehr wenige Storys, die tatsächlich Sex als Antwort vertragen können. Dreierkonflikte, die sehr tiefgründig sind und bei denen man ES macht, um sich nicht immer zu fragen, was wäre wenn. Solche Storys vertragen dann aber kein Happy End. In Beziehungskonflikten, in denen man sich zwischen zwei potenziellen Partnern entscheiden muss, reicht eigentlich die salomonische Drohung mit Sex, um Antworten zu bekommen. Sex als dramatisches Ende einer hoffnungslosen Beziehung ist auch denkbar. Aber es ist ein sehr anspruchsvoller Einsatz von Sex, und man sollte sich zehnmal überlegen, ob man dem gewachsen ist und ob es nötig ist, oder nicht doch der Geschichte schadet.


Fazit

Sex muss immer eine Funktion haben und darf nie nur um seiner Selbst willen geschrieben werden. Sex-Szenen müssen die Geschichte weiterbringen, sie sollten Konflikte eröffnen oder verdeutlichen. Geh auf die Eigenarten Deiner Figuren ein und gestalte die Szene individuell. Bedenke die Tabus und Skrupel Deiner Leser und wähle die geschilderten Details sorgfältig aus. Geh realistisch vor, aber nicht wissenschaftlich. Es sind immer die Gefühle und die Stimmung, die vermittelt werden sollen, nicht eine Gebrauchsanleitung.

Kurz: Schreib Stimmung und nicht Anatomiestudien!

(Vistin)

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