Die Kuss-Szene

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Über die Kuss-Szene

Der Moment, in dem sich zwei Figuren küssen, ist eine sehr beliebte Szene in Fanfictions, doch es ist auch die Szene, die am häufigsten nach hinten losgeht.
Leider sind Fehlgriffe bei Kuss-Szenen selten Thema von Kritiken oder Reviews, während sie jedoch vielen Lesern den Spaß verderben, daher möchte ich hier ein paar Gedanken zum Thema „Der Kuss“ niederschreiben. Ich hoffe, sie sind hilfreich:


Küssen, geküsst werden oder sich küssen?

Bei einem Kuss kommen sich zwei Figuren sehr nahe, dringen in die Privatsphäre des anderen ein. Diese Nähe kann nicht unkommentiert bleiben. Eine Kuss-Szene, in der nicht gesagt wird, wie die Figuren zu dem Kuss stehen, ist schon mal eine sehr flache und damit schlechte Kuss-Szene.


Wieso küssen sich die Figuren?

Es gibt verschiedene Arten von Küssen: den flüchtigen, den freundschaftlichen, den fordernden, den intimen. Um was für einen Kuss es sich handelt, sollte jedoch nicht daraus hervorgehen, wie tief eine Figur die Zunge des anderen im Hals hat - diese Vorstellung ist nämlich im wahrsten Sinne des Wortes Brechreiz erregend - sondern daraus, wieso sich die Beteiligten küssen. Ein Kuss ist nie Selbstzweck, er ist immer nur eine Äußerung von Umständen und Gefühlen. Dieser Kontext muss klar werden, damit der Kuss klar wird. Und wenn man weiß, wieso sich zwei Leute unter welchen Umständen küssen, weiß man automatisch, wie sie es tun, und problematische Beschreibungen von Zungenbewegungen sind gar nicht mehr nötig.


Wie war's?

Ein Kuss kann verschiedene Reaktionen bei den Küssenden auslösen. Dabei ist wichtig, dass ein Kuss nicht wie ein Schmerz automatisch einen körperlichen Reflex auslöst. Ein Kuss wirkt immer emotional, und erst diese emotionale Reaktion löst Assoziationen und körperliche Empfindungen aus, wobei alle drei Elemente vom jeweiligen Individuum abhängig sind. Daher sollte immer der emotionale Zustand der Figur im Vordergrund stehen und nicht ihre Gänsehaut, oder das Prickeln am Rücken. Denn jeder Mensch reagiert auf emotionale Situationen anders. Für manche ist Gänsehaut etwas Gutes, für andere etwas Schlechtes; das kann man gerade bei Fanfictions gut beobachten: Mal bekommt Hermine vor Ekel Gänsehaut, mal von Lust. Diese Zweideutigkeit der körperlichen Reaktionen ist der Grund, weshalb eine Szene auf die Leser unrealistisch wirkt, wenn die Betonung zu sehr darauf liegt. Als Autor kann man nämlich nicht garantieren, dass der Leser die gleichen Reaktionen auf die zu beschreibenden Gefühle hat, daher sollte man die Gefühle nennen und die körperlichen Reaktionen offener lassen, damit jeder Leser die Szene mit seinen eigenen Vorstellungen füllen kann. Auf diese Weise kann sich der Leser besser in die Figur hineinversetzen, und das macht ja das Lesevergnügen aus.


Konsequenzen

Nach einem Kuss geht man nicht genauso auseinander, wie man sich getroffen hat. Jeder Kuss hat Auswirkungen. Der flüchtige Kuss zeigt Vertrautheit, der freundschaftliche Zuspruch, der intime kann Beziehungen beginnen und auch beenden.
Als Autor muss man klar machen, dass auch die Figuren aus dem Kuss ihre Konsequenzen gezogen haben und wie diese aussehen. Hier ist vor allem wichtig, dass die Kusspartner nicht dieselben Konsequenzen ziehen müssen, im Gegenteil. Ein Kuss, der für beide andere Konsequenzen hat, ist besonders spannend, denn er eröffnet Konflikte, und deswegen lesen wir doch Geschichten.


Handwerkszeug

Wie beschreibt man denn jetzt einen Kuss? Am besten beschreibt man ihn gar nicht. Die Aussage "Sie küssten sich" ist völlig ausreichend, wenn sie in einen umfassenden Hintergrund eingebettet ist. Die beste Kuss-Szene ist die, bei der der Leser durch die Beschreibung und Konzeption des Umfeldes und der Gefühle der Figuren so in die Geschehnisse hineingezogen wird, dass er die Lippen spitzt, kurz bevor die erlösenden Worte "und sie küssten sich" kommen. Dann läuft im Kopf des Lesers der ideale Kuss für die beschriebene Situation ab, so eindringlich und mitreißend, wie es Beschreibungen nie gekonnt hätten.


So bitte nicht!

Nun zu den übelsten Fehlgriffen in Beschreibungen von Küssen. Der wohl grauenhafteste ist die bereits erwähnte Zunge im Hals. Bei der Darstellung eines Kusses werden häufig Zungen und Hälse auf verschiedenste Weise zusammengebracht. Dabei handelt es sich nicht nur um eine sehr schlechte Beschreibung, sondern auch um einen unangenehmen Kuss, denn es ist ein Gewaltakt, der nicht nur nicht schön, sondern vor allem respekt- und lieblos ist. Allein sich vorzustellen, wie die geküsste Figur in so einer Situation noch atmen soll, wirft einige Schwierigkeiten auf.
Bevor Du so etwas schreibst, solltest Du also überlegen: Hab ich mir schon mal den Finger in den Hals gesteckt? Fand ich das angenehm?
Natürlich sagen jetzt alle: Das ist doch nur übertrieben dargestellt. Natürlich! Aber diese Übertreibung läuft genau darauf hinaus! Wenn ich Leidenschaft mit Unterwefung und Gewalt darstelle, muss ich mir bewusst sein, dass so etwas unkommentiert von der Allgemeinheit nicht als erotisch betrachtet wird.
Auch die Zähne sind nichts, was beschrieben werden sollte. Formulierungen wie "als wolle er ihre Füllungen ziehen" sind geschmacklos und plump. Sie sind ein sicherer Hinweis darauf, dass der Autor keinen Schimmer von seinen Figuren hat und nur auf Zurschaustellung aus ist, anstatt auf eine gute Geschichte.
Jede Form der Übertreibung und Übersteigerung muss überlegt und auf ihre Wirkung geprüft werden. In der Mehrheit der Kuss-Szenen haben sie nichts zu suchen und wirken nur peinlich.
Bild- und Vergleichreichtum ist die weniger kritische Stufe der Missgriffe. Sie zerstören die Szene nicht so sehr wie Übersteigerungen, aber sie machen Kuss-Szenen kitschig und rauben der Geschichte ihre Wirkung. Der honigsüße Kuss oder der nach Erdbeeren schmeckende sind sehr plumpe Mittel der Intensivierung. Vor allem macht es den Kuss eindimensional, denn die Assoziation des Schmeckens spielt sich auch im Mund ab, es werden also nur die Mundeindrücke beschrieben, wodurch der Kuss seine überlokale Wirkung verliert. Und davon einmal abgesehen ist es schon ein erstaunlicher Zufall, dass die Figuren offenbar immer gerade kurz vor dem entscheidenden Kuss Honig gelöffelt haben. Das mag natürlich mal vorkommen, es ist aber eher unwahrscheinlich, dass jemand ununterbrochen fruchtigen oder minzfrischen Atem hat. Ein Grund mehr, auf solche äußerlichen Details nicht zu genau einzugehen.
Schlimmer noch als Übertreibungen sind falsche Vergleiche. Ein Kuss kann nicht brennen, außer er wird auf eine offene Wunde gedrückt. Es kann sich nur anfühlen, als ob er brennen würde. Hier ist es wichtig, deutlich zu machen, dass es sich um einen Vergleich handelt, denn bei Beschreibungen können keine Metaphern verwendet werden, die kann man nämlich nicht von wörtlich gemeinten Beschreibungen unterscheiden.


Fazit

Lös Dich von der Vorstellung, eine gute Geschichte bräuchte eine Kuss-Szene. Es ist genau umgekehrt. Eine Geschichte ist erst dann gut, wenn sie nur das hat, was sie braucht, nichts weniger und nichts mehr. Viele der schlechten Kuss-Szenen sind hauptsächlich dadurch schlecht, dass sie überflüssig sind.
Geh auf die Individualität Deiner Leser ein und gib ihnen Freiheiten, denn jeder hat eine eigene Vorstellung vom Küssen. Du kannst keine perfekte Anleitung zum idealen Kuss schreiben, und das musst Du auch nicht. Jeder Mensch küsst automatisch, er braucht keine Vorgangsbeschreibung dafür. Die Leser möchten den individuellen Kuss lesen, den einen ganz bestimmten, der in Deine Geschichte hineingehört, den Kuss, der die Geschichte weiterbringt, der den Leser weiter bringt.

Und dafür gilt: Weniger ist oft mehr!

(Vistin)

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