Die Mary Sue

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Inhaltsverzeichnis

Mary Sue und Larry Stu

Unter Fanfictionfans sind das wohl die härtesten Schlagwörter. Überall wird darüber diskutiert, was eine Mary Sue ist, was an ihr am meisten nervt und wie man sie vermeiden kann. Wir werden keine kilometerlangen Listen und Tests veröffentlichen, nur ein paar Gedanken und Überlegungen.


1. Das Phantom

Das Schlimmste an der Mary Sue ist die Tatsache, dass man sie verteufelt. Erst vor kurzem habe ich den Kommentar gelesen: "Ich finde diesen OC gut, weil er keine Mary Sue ist." Sind das die einzigen Ansprüche, die man an Originalcharaktere stellt? Kommen Mary Sues wirklich so oft vor, wie man befürchtet? Und wenn nicht, hat man das dem allgemeinen Abscheu zu verdanken? Verstehen überhaupt alle das gleiche unter einer Mary Sue?
Der beste Schritt, um Mary Sues zu verhindern, ist, an alle Charaktere dieselben Ansprüche zu stellen und alle schlechten Charaktere schlecht zu finden, und zwar aus ganz individuellen Gründen. Mit der Aussage: "Dein Charakter ist ja eine Mary Sue!" kann ein Autor nichts anfangen. Für die meisten ist das doch eine leere Floskel, sie sagt nichts über die Problematik des Charakters aus. Was soll der Autor denn machen? Den Charakter ganz rausschmeißen? Das hieße doch, die Geschichte neu zu schreiben, also findet man nicht den Charakter schlecht, sondern die ganze Geschichte. Wieso sagt man dann nicht: "Ich mag deine Geschichte nicht"? Wenn man aber sagt: "Ich finde diesen Charakter zu übertrieben, er ist zu schön und zu klug, das ist unglaubwürdig." Oder auch: "Ich finde den Charakter zu gewöhnlich, er ist ja wie jemand von der Straße, das ist langweilig." DANN ist dem Autor geholfen!
Der erste Schritt zur effektiven Bekämpfung von schlechten Charakteren ist die Beseitigung von leeren Begriffen in Reviews!

2. Die Facetten der Mary Sue

Vielleicht hätte das hier der erste Absatz sein sollen, denn viele Leute wissen gar nicht so genau, was eine Mary Sue ist. Sie bekommen den Begriff nur an den Kopf geworfen oder lesen vom Mary-Sue-Verbot in den Archivregeln. Eine Mary Sue kann aber alles und nichts sein, daher fand ich den Aufruf um exakte Reviews wichtiger, als eine Aufklärung über die Arten der Verfehlungen. Also an alle Leute, die diesen Begriff bisher nicht kannten: Vergesst ihn nach diesem Tutorium sofort wieder!
Zuerst ein paar allgemeine Worte zu der Vorstellung "Mary Sue". Ich weiß nicht, ob man zwei Leute findet, die eine Mary Sue gleich definieren würden; garantiert wird jeder andere Probleme mit ihr haben. Aber so allgemein sind das meistens Charaktere, die als Projektionsfläche benutzt werden. Dabei können unterschiedliche Sachen aus unterschiedlichen Gründen auf einen Charakter projiziert werden: persönliche Eigenschaften des Autors, Idealvorstellungen oder Wunschträume. Egal, was und wieso projiziert wird, das Problem bleibt, dass es nicht aus dem Charakter kommt und dieser daher zweidimensional bleibt.
Und jetzt zu den verschiedenen Arten von fehlgeleiteten Charakteren:


Der Superheld

Ein Charaktertyp, der sehr oft als Mary Sue bezeichnet wird, ist der Superheld. Er oder sie ist die tragische Figur der Geschichte, oft auf schicksalhafte Weise mit einem Buchcharakter verwandt: als uneheliches Kind, bei der Geburt getrennter Zwilling, totgeglaubtes Geschwisterkind/Elternteil/Cousine oder ähnliches. Der Superhelden-Charakter taucht im GENAU richtigen Moment auf, um einen Buchcharakter zu retten oder zu warnen. Wichtiger Hinweis ist folgender Satz: "Harry war überwältigt von seiner/ihrer Schönheit/Klugheit/Gewandheit/Frechheit/etc."
Das Problem am Superheldencharakter ist seine Überladenheit. Er trägt völlig allein die gesamte Handlung. Er ist der einzige, der ein Passwort kennt, nur er kann eine Tür öffnen, nur er hat die Kontakte, um einen bestimmten Ort zu erreichen. Er sagt immer im richtigen Moment das Richtige, er versteht immer jede Krise der anderen Charaktere. Er zerrt alle anderen Figuren mit, selbst wenn er nicht der Protagonist der Geschichte ist. Das wirkt auf Leser unwahrscheinlich, und es verletzt ihren Stolz, weil ein solcher Charakter ihre geliebten Buchcharaktere in den Schatten stellt, über die sie eigentlich was erfahren wollten.

Die Autor-Personifizierung

Der Autor-Charakter kann variieren, also mehr oder weniger an die Vorlage angepasst sein. Der Autor-Charakter zeichnet sich durch viele Eigenschaften des Autors aus. Ein typischer Satz ist: "Sie hatte etwas zu füllige Hüften/zu trockene Haare, obwohl sie sich bemühte viel Sport zu treiben/sie jeden Abend eine Spülung verwendete." Oder ähnliche, in denen es um alltägliche Probleme geht, die oft mit einer Rechtfertigung ergänzt werden. Die angepasste Version ist oft die schüchterne, neue Schülerin, die nach Hogwarts kommt und derer sich Harry, Ron und Hermine erst mal annehmen. So ein Charakter hat oft ein schweres Schicksal hinter sich, wurde verfolgt, misshandelt oder einfach missverstanden.
Die unangepasste Version ist oft die Muggelfreundin von Remus/Sirius/Severus/Harry/Kreacher/Wem-auch-immer, mit der sich derjenige in die ruhige Muggelwelt zurückzieht und sich dann mit Problemen wie "Steuerabrechnung", "Uniabschluss" oder gar dem "nervenden Adoptivkind" abgeben muss. In den besten Fällen wird das Paar, das ja nur seine Ruhe haben will, von bösen Zauberern verfolgt.
Ein Autor-Charakter ist für den Autor oft die Erfüllung der größten Sehnsüchte und sicher eine wichtige psychologische Stütze, aber der Rest der Welt will so was nicht lesen, denn das, was solche Autoren als "kreative Alternative zum Canon" bezeichnen, ist einfach nur langweilig. Harry Potter ist ein fantastisches Thema, seine Figuren an den Herd oder ins Büro zu verbannen, ist nicht kreativ, sondern kontraproduktiv. Dafür braucht man keine fantastische Literatur zu lesen.

Der Baukasten-Charakter

Dank der unzähligen Mary-Sue-Fragebögen hat sich ein neuer Typus von Problemcharakter entwickelt. Der Baukasten-Charakter hat seine Ursprünge im Superhelden-Charakter; er ist immer noch der Handlungsträger, er motiviert die Handlung, steht dabei aber im Hintergrund. Die "Der einzige, der"-Atribute bleiben, auch wenn sie beim Baukasten-Charakter oft indirekt werden. Während der Superheld selber die Adresse des großen Magiers kennt, kennt der Baukasten-Charakter nur jemanden, der die Adresse kennt. Seine vordergründigste Eigenschaft sind Relativierungen. Ein typischer Satz: "Sie war zwar nicht hübsch, aber Harry mochte ihr Lächeln." Zwar und aber, in allen erdenklichen Formen pflastern den Weg des Baukasten-Charakters.
Das Problem mit diesem Charakter ist nicht, dass er irgendwie vordergründig stören würde, aber er ist meistens überflüssig. Wenn man ihn nicht ohnehin streichen kann, ist er absolut flach, unglaubwürdig und unmotiviert.


3. Mary Sue vs. Original-Charakter

Die meisten glauben, dass eine Mary Sue unbedingt ein OC sein muss. Das ist ein Irrglaube!
Dabei geht es nicht um Beinah-OCs, also Figuren, die im Buch zwar genannt, aber nicht weiter charakterisiert wurden. Das es hier fehlgeleitete Charaktere gibt, kann man sich leicht vorstellen.
Die größte Mary Sue heißt Ginny Weasley, und der Preis des größten Larry Stu muss zwischen Snape, Draco und Sirius aufgeteilt werden. Überrascht?
Ein Draco als absoluter Sexgott IST eine Mary Sue! Er ist ein Charakter, auf den der Autor seine eigenen Wünsche projiziert und ist damit keine eigenständige Figur, sondern flach!
Auch ein Snape, der seine weiche Seite erkennt und sich bei Harry unter Tränen entschuldigt, ist eine Projektion der Autorenwünsche und keine Figur.
Im Gegensatz dazu sind Geschichten mit OCs nicht von vornherein als schlecht abzustempeln. Eine Lily-Geschichte kommt selten ohne OCs aus, ganz im Gegenteil. Eine Lily-Geschichte, die keine OCs hat, kann nur schlecht werden.
Auch Lily braucht ein soziales Umfeld; die Rumtreiber können nicht ihre einzigen Freunde sein. Sie sind die einzigen, die GARANTIERT nicht ihre Freunde sind.
Abschließend kann man sagen, dass man die Mary Sues nicht nur in OCs suchen darf und man nicht auf OCs verzichten kann, nur um Mary Sues zu meiden. Es geht immer um eine ausgewogene Charakterkonstellation und um ausgearbeitete, funktionierende Figuren. Der Wunsch des Autors macht noch lange keinen Charakter.

4. Fazit

Als Fazit kann man eigentlich nur sagen, dass man nicht nach dem ultimativen Mary-Sue-Test suchen sollte, sondern sich lieber Gedanken über seine Figuren machen. Man sollte seine Figuren immer lieben, auch wenn das bei solchen Tests oft das oberste Verbot ist. Aber bei aller Liebe sollte man mit sich, den Lesern und den Figuren ehrlich sein. Man sollte seine persönlichen Schwächen im Umgang mit den Figuren analysieren und immer im Auge behalten. Ich persönlich gehöre zu den Kuschelsnape-Verfechtern. In meiner Definition ist er gut, was aber nicht bedeutet, dass er auch ein netter Kerl ist. Ich verbringe also die meist Zeit des Schreibens mit der Grübelei, wie ich begründen kann, dass er jetzt gerade lächelt und niemanden anbrüllt. Man kann jede Figur zu jeder Handlung bringen, man kann OCs wunderschön machen, man kann eine FF mit einem Originalcharakter als Hauptrolle schreiben, aber man muss darin IMMER überlegt und konsequent sein!

Kurzgefasst: Schreib überlegte Figuren und kommentiere Deinen Lesestoff ausführlich, dann wird die Mary Sue von allein aussterben!

(Vistin)

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